Die Begrenztheit der Worte und wie unterschiedlich Menschen Gott erleben
Es
gibt Dinge, die kann man nicht in Worte fassen. Verliebtsein, Schmerz,
Angst und Enttäuschung sind solche Dinge. Wenn man die Worte die jemand
aufschreibt - um zu erklären, wie es ist – liest ohne sie selbst je
erlebt zu haben, macht man sich völlig falsche Vorstellungen davon,
wenn man es allerdings erlebt und liest, wie andere beschreiben, was
sich nicht in Worte fassen lässt, findet man sich darin wieder. Genauso
ist es mit dem Glauben an Gott. Wenn man es nicht erlebt hat, versteht
man vieles, was Christen sagen, völlig falsch, macht sich falsche
Vorstellungen und wird möglicherweise enttäuscht, bevor man etwas
erleben kann. Ich als Christ kann nur sagen, dass ich vieles, was
andere Christen sagen und schreiben nachvollziehen kann, aber wenn ich
mir vorstelle es objektiv zu hören, sehe ich es in einem völlig anderen
Bild. Was stellt man sich vor unter einer „persönlichen Beziehung zu
Gott“? Was ist diese „Wärme und das Gefühl des Angenommenseins“, die
manche bei Gott erleben?
Die Aussagekraft von Worten ist
begrenzt. Wenn man ein Buch gelesen hat und daraufhin die Verfilmung
sieht, ist man meist enttäuscht, weil man etwas völlig anderes erwartet
hat und wenn ich überlege, was Menschen - die von Gott nichts wissen
wollen, oder es sich nie ergab - sich unter Christsein vorstellen, wenn
sie Worte mancher Christen lesen oder hören; sie würden sicher auch
enttäuscht sein und Gott vielleicht nie erkennen, weil sie etwas völlig
anderes erwarten. Deshalb wünsche ich mir, dass Worte gehört werden,
aber immer noch Platz ist für eigene Erfahrungen bleibt. Nicht die
Schublade zu machen und meinen, zu wissen wie es ist. Es gibt immer
verschiedene Perspektiven, und nur weil Gott sich dir anders zeigt,
muss das nicht heißen, dass er sich nicht zeigt.
Im
Religionsunterricht hat unser Lehrer uns mal eine Flasche malen lassen.
Die Zeichnungen sahen natürlich völlig anders aus und manche
Philosophen greifen an diesem Punkt ein und zweifeln daran, ob die
Flasche überhaupt existiert. Ich denke ja.
Und
genauso existiert auch Gott. Die einen erleben, wie Gott genau das
erfüllt, was sie gebetet haben. Die Anderen sehen in der Schönheit der
Natur, dass das nur von einem Individuum erdacht sein kann. Wieder
andere erleben in Zeiten, in denen wirklich alles schief läuft eine
seltsame Wärme, fast als sei man verliebt, oder als bekäme man gesagt,
dass man gut ist, obwohl gar niemand da ist. Gott erleben ist völlig
unterschiedlich. Es kann einen umhauen und man hört eine Stimme vom
Himmel. Aber ich denke das ist was wirklich Seltenes und Besonderes.
Meist ist es aber auch ganz unauffällig. Manchmal kommt es einem vor,
als ob das Gewissen plötzlich viel lauter und klarer spricht. Es kann
darin sichtbar werden, wie großartig sich ein Kind entwickelt oder wie
es plötzlich wieder gesund wird, obwohl der Arzt etwas anderes vermutet
hatte.
Oder wie die Sonne an dem Tag scheint, an dem man es
gerade unglaublich nötig hatte. Oder ein Freund, der einen in den Arm
nimmt, wenn man einen schlimmen Tag hinter sich hat. Und man hat
plötzlich ein Kribbeln im Bauch, gerade in dem Moment, in dem man im
Gottesdienst einen Vers hört oder ein Lied mitsingt, das von Gott
handelt. Oder man findet endlich mal wieder Zeit nachzudenken und sich
bei einem Kaffee anzuschweigen. Oder man erlebt Zeiten der Einsamkeit,
in der alles zerbricht und nachdem hindurch ist, ist man erstaunt, wie
man das überhaupt überstehen konnte.
Egal,
was wir erlebt haben und welches Bild sich daraus für „unseren“ Gott
ergibt, Gott passt da nicht rein, er ist mit Sicherheit größer und
vielseitiger, als wir ihn uns denken. Das Problem ist, dass Christen
auch Menschen bleiben, mit allen Fehlern, mit allem Hochmut, mit allem
Konkurrenzdenken und mit aller Heuchelei. Aus diesem Grund schweigen
sie über die schlechten Zeiten in denen Gott sich nicht explizit zeigt
und posaunen viel lieber die Situationen hinaus, in denen Gott zu ihnen
„gesprochen“ hat und in dem es sie mal wieder umgehauen hat, wie man
Gott auch erleben kann.
Die
Frage nach dem „Wieso“ lässt sich mit dem Menschsein beantworten, doch
die Wahrheit ist, dass Gott uns erstens nicht immer dann heftig über
den Weg läuft, wenn wir gut sind und sich zurückzieht, wenn wir Mist
bauen. Es gibt also eigentlich keine Grund, sich auf Situationen, in
denen wir Gott nahe sind etwas einzubilden. Zweitens ist Gott nicht
immer laut und heftig und spektakulär. Oft ist er auch leise und
einfühlsam und so schnell zu übersehen. Auch ein guter Freund ist nicht
immer ein Vorzeigeobjekt, das soll er auch gar nicht sein. Er ist
wertvoll; für denjenigen, der ihn kennt. Ich möchte euch einladen mal
darauf zu achten, ob Gott euch vielleicht in irgendeiner Weise über den
Weg läuft. Nicht immer in der Art und Weise, die man von Christen hört,
nicht immer in der Wunderheilung, in der Stimme, die vom Himmel
erschallt, in einem abgefahrenen Traum oder darin, dass man auf einmal
völlig gut handelt. Aber sicherlich Irgendwie. Zumindest irgendwann! © Calle Brück 2009
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